Maibäume
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- Veröffentlicht am Samstag, 11. Juli 2009 15:15
Auch in Siebenbürgen wurden sie so genannt, obwohl sie nicht zu Beginn des Wonnemonats Mai, sondern zu Pfingsten aufgestellt wurden. In anderen Ortschaften, so im Kokeltaler Mortesdorf, wurden in Anlehnung an die biblischen Palmzweige, die Jesus den Weg nach Jerusalem schmückten, am Palmsamstag von den Schuljungen Palmkätzchenbäume unter die Fenster der Mädchen aufgestellt.
Wir Schönberger Jungen gingen in den Tagen vor Pfingsten, mit Körben ausgerüstet auf die „Hil“ in den „Wänkelbäsch" (die Berghöhe zwischen Schönberg und Agnetheln in den sog. Winkelwald), wo an einer bestimmten Stelle das Wintergrün wuchs und wucherte. Dieses Wintergrün pflückten wir und brachten es nach Hause. Die Mütter und älteren Geschwister banden dann schöne Kränze, die „Kronen“ daraus. Diese wurden sorgfältig im dunklen feuchten Keller verwahrt. Am Pfingstsamstag, bei Anbruch der Dunkelheit brachten die Jungen diese Kronen ihren Freundinnen und waren bemüht, sie möglichst unbemerkt an den Fensterläden aufzuhängen.
Die konfirmierten Jugendlichen (de Kniecht), die Bruderschaft, stellte den konfirmierten Mädchen (Mägden) Maibäume unters Fenster auf. Die Jüngeren, die noch keine feste Freundin hatten, suchten dafür im Gemeindewald eine schöne Espe aus, die Älteren, schon mit Heiratsgedanken beschäftigt, holten dafür Birken. Da es aber in den Schönberger Wäldern kaum dieser weißstämmigen Bäume gab, mussten sie aus dem zwischen Roseln und Birthälm gelegenen Fettendorfer Wald geholt werden. Da mussten am Pfingstsamstag die besten Pferdegespanne herhalten. Bei Sonnenaufgang ging es unter Harmonika-, später Akkordeonklängen und Gesang über die Hil zu dem Birkenwald. Dabei durfte es an einem reichlich bestückten Rucksack und der Flasche Wein nicht fehlen. Man suchte die schönsten Maibäume, schlug und verlud sie auf die extra dafür vorbereiteten Wagen. In den späten Nachmittagsstunden rollten sie beladen mit der grünen Pracht zurück ins Dorf. Akkordeon und Stimmbänder taten bei der Fahrt durch die Gassen ihr Bestes. Hatte man einen älteren Bruder oder Vetter, der einem eine Schönberger Espe, oder eine Birthälmer Birke mitbrachte, war das schon etwas mehr als die Immergrünkrone.
Mein Jahrgang wurde zu Ostern 1950 konfirmiert, musste sich aber bis zum Ende des Schuljahres noch den Schulregeln fügen, was wir auch bis auf kleine Abweichungen taten. In den Wochen vor Pfingsten machten auch wir öfters Spaziergänge durch den Wald und suchten uns die Bäume aus, die wir unseren Klassenkameradinnen unters Fenster pflanzen wollten. Im Unterricht verhielten wir uns möglichst brav und erhielten dann von Rektor Schöpp die Erlaubnis, Maibäume aufzustellen. Dazu mussten wir aber versprechen, dass jedes Mädchen unserer Klasse einen Baum erhalten solle. Unter oben beschriebenem „Tamtam“, fuhren wir mit zwei, wenn auch nur mit Kühen bespannten Wagen, zwar nicht nach Fettendorf, sondern in den näher gelegenen Gemeindewald und holten die Bäume.
Um Mitternacht waren wir nun, das erste Mal nach der Konfirmation mit auf den Beinen, hoben die Gruben aus, setzten die Bäume auf, und fühlten uns mächtig stolz, so „erwachsen" zu sein. Am Pfingstsonntag wetteiferten unsere Espen mit den Kronen an den Fensterläden, und den etwas höheren Birken, die das Dorf schmückten. Für uns war es das herrlichste Pfingstfest. Am Pfingstdienstag (dem dritten Feiertag, den es damals noch gab) wurde dann unter den Kronen der mächtigen Kastanienbäume im „Kirchengärtchen" das Gligorifest gefeiert, und alles was Beine hatte, vom Kinde bis zum Greis, der wenn auch mit etwas Mühe am Stock dabei war.
Die Mütter packten das beste an Gebratenem und Gebackenem in ihre Körbe, und die Väter füllten im Keller die Weinflasche auf, auch der Sohn bekam gelegentlich solchen Festes eine zugesagt. Abends verlegte sich das Fest in den Gemeindesaal, wo bis in die Morgenstunden getanzt wurde. Den älteren Frauen, die rings um im Saal saßen und das Treiben im Auge hatten, entging es nicht, wer mit wem tanzte. Dabei fehlte es an der „unter der Hand“ geäußerten Meinung nicht: Ja passen die zusammen? Was meinen die Eltern dazu? Hat der zu Weihnachten nicht doch mit der ... getanzt? Nachts fand kaum einer Schlaf und träumte sich dann in den kommenden Tag.
Der Pfingstmontag war damals nach sozialistischer Gesetzgebung Arbeits- also für uns Schultag. Wir Jungen merkten gleich, als unser Rektor den Klassenraum betrat, das „Pfingstregen“ sich für uns anmeldete. Er war der Pädagoge, der die Sache gleich beim Schopfe fasste: „Habt ihr die Maibäume aufgesetzt (aufgestellt) und seid ihr auch nicht zu lange durch die Gassen gelaufen?“ Mancher von uns ahnte schon den Hintergrund der Frage und neigte etwas schuldbewusst das Haupt. „Warum hat die ... und die ... keinen Baum gekriegt?“ Tiefe Stille im Klassenraum. „Warum??“ nochmals die nachhaltige Frage. Und erneut Grabesstille.
Die Fragen wurden persönlicher und jeder versuchte sein schuldig Haupt aus der sich enger schließenden Schlinge zu ziehen. Wir hatten unsere Zusage nicht eingehalten, und 2-3 unserer Klassenkameradinnen konnten sich am Pfingstsonntag am erhofften Baum nicht erfreuen. Das war Herrn Schöpp nicht entgangen, und dafür sollten, mussten wir nun büßen. Unser Rektor schritt zwei-dreimal vor den Bankreihen auf und ab. Ob er selbst mit sich haderte und nach dem richtigen Kompromiss rang? Wir trauten uns nicht aufzublicken. Mancher von uns erhaschte durch einen heimlichen Blick zu unseren weiblichen Kumpanen, dass sie es in dieser Art auch nicht erwartet hatten. Der Stein aber rollte, und die Sündenböcke mussten für ihre Missetat büßen. Und die lautete: „Vom heutigen Gligorifest seid ihr ausgeschlossen und dürft nur als Zaungäste dabei sein! Das hieß nachmittags im Kirchengärtchen mit unserem Hosenboden die Bänke scheuern, und abends von oben von der Galerie zugucken. Unsere Mühe, heimlich Tanzschritte zu üben, war also vergeblich gewesen. Wir waren also verdonnert zuzugucken, wie unsere Klassenfreundinnen - hatte da nicht der eine oder andere in heimlicher Sehnsucht dieses Fest erwartet - sich in den Armen anderer wiegen durften. Das war harte Strafe, aber unser Rektor blieb dabei.
Der wolkenverhangene Himmel entleerte sich zur Mittagszeit seiner Last, es goss in Strömen, so dass das Fest von Anbeginn in den Gemeindesaal verlegt wurde. Wir „genossen“ von der Galerie das frohe Treiben im Saal.
Der Nachmittag verstrich, die Stimmung im Saal stieg, aber nicht bei uns, den „Galeristen“. Nach der Abendpause - unsere Väter mussten doch das von der Weide heimkehrende Vieh erwarten, im Stall unterbringen und die Kuh melken - stand unser Rektor plötzlich bei uns auf besagter Galerie, blickte uns freundlich-wohlwollend an, sah hinunter auf das Wogen im Saal. In unsere Augen kam ein besonderer Glanz, wir hofften auf ein Wunder ... noch war ja der Tag nicht gelaufen und der Abend brach erst an. „Eure Strafe habt ihr verbüßt. Damit reicht’s. Der Saal ist frei für euch!“ Könnte ich heute noch die Freudensprünge über die Treppen aus dem kleinen zum großen Saal nachvollziehen ... Nun durften wir mit dabei sein, durften unseren ersten Ball nach der Konfirmation genießen.
Und wie wunderbar. Unsere Klassenkameradinnen, die Maio, die Enno, die Liso, die ... gesellten sich zu uns. Man probierte das erste Tänzchen. Der eine fand gleich den Takt, der andere mühte sich noch etwas ab, aber die „holde Maid“ hatte Verständnis und ... nun es wurde für manchen von uns der schönste Tanz seines Lebens.
Johann Untch, Euskirchen


