Ehrensalut: Drei Schüsse übers Grab

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(Daniel Untch, das erste Schönberger Todesopfer des Zweiten Weltkrieges)

Wir waren keine reiche, aber eine zufriedene, glückliche Familie. Mutter hatte es gelernt aus, auch oft Wenigem, immer was Schmackhaftes auf den Tisch zu zaubern, und wir, die fünf hingen ihr dankend am Schürzenzipfel. Fisso, die älteste und Vater stimmten abends oft ein Lied an, oder Vater erzählte vom großen, Schönberger Theaterereignis seiner Jugend, wo „Renaldini" die, wenn auch etwas schwulstige Geschichte eines Räuberhauptmannes, nicht bloß gesprochen, sondern auf der Bühne gesungen wurde, und wo er einer der Hauptdarsteller war. Noch in seinen alten Tagen, im Altenheim auf Drabenderhöhe, sang er ganze Passagen des Stückes. Aus der Generalprobe zur Theateraufführung „Stephan Ludwig Roth", anlässlich des 90.Todestages des sächsischen Volkshelden, wo Vater den Roth spielte und zur Exekution abgeführt wurde, lief ich verzweifelt nachhause, da ich in meinem kindlichen Denken Theater und Wirklichkeit nicht auseinander halten konnte.

Todestag Stephan Ludwig Roth

Die Erwachsenen lebten in einer Zeit grössten Aufbruchs. Die althergebrachte, schwarze Sonntagstracht erhielt neuen Symbolwert, und statt der von eh und je bekannten, sächsischen Nachbarschaften, gab es nun den Block mit Blockleiter. Bruder-und Schwesternschaft gingen in die DJ und BDM über, und statt zum sonntäglichen Gottesdienst, ging es zu Turnfesten.

Winter 1940-41. Seit Tagen war die Gemeinde in hellster Erregung. Dann nahte die große Stunde, wo man an der Straßenbiegung, vor der Kirche in hellster Erregung wartete. Vom Turmfenster über dem Eingang zum Gemeindesaal - zum Parteizimmer umfunktioniert - konnte man die Strasse bis nach Mergeln gut beobachten. Aus „der Kir" schickten die schweren Kriegsfahrzeuge ihr Dröhnen und Brausen voraus. Die größeren Jungen liefen ums „Reinereck", die Neugasse hinunter, stürmten dann eilig zurück, und meldeten: „Sie kommen, sie kooommen!" Und als der erste Geländewagen, geschmückt mit Hakenkreuzwimpeln um die Ecke bog, brandete, wogte, jubelte und grüsste die Menge: „Heil ... heil ... Sieg heil ... Heil Hitler ... heil ... heil, heil ...So weit ich mich erinnere, war es eine dritte Kompanie, die in Schönberg stationiert und die Truppe einquartiert wurde. Stolz und Ehre für jedes Haus, wo deutsche Soldaten „lagen". Und etwas Scham und Bedrückung für diejenigen, die solcher Anerkennung, wenn auch aus Raummangel in der Wohnung, entbehren mussten.

Der Winter 1940-41 mauserte sich für die Gemeinde zu einer Zeit überschwänglicher Freude und des Feierns. Wochenende für Wochenende spielte die Blasmusik (Adjuwanten) zum Tanz auf. Es wurde gesungen und Theater gespielt. Die Soldaten trugen mit rheinischem Frosinn zur Unterhaltung bei.Heinz aus Münstereifel und Erwin aus Düsseldorf bewohnten unsere gute Stube, gehörten bald zur Familie. Man saß abends beisammen und sie erzählten, von ihren Familien aus der Eifel und vom Rhein, zeigten Bilder ihrer Lieben und strichen, dabei kam ein wehmütiger Glanz in ihre Augen, zärtlich darüber. Wann würden sie wieder zur Loreley, dem Drachenfels aufblicken können, wann über die Vulkankegel oder an den Maaren der Eifel wieder heimatlichen Boden betreten? Heinz merkte, dass seine Soldatenmütze es mir besonders angetan hatte, und er beschaffte mir eine solche, mein ganzer Stolz.

Im Gemeindesaal gab es wieder eine Tanzunterhaltung. Unsere Eltern gingen mit Fisso und Michael, unseren älteren Geschwistern, Heinz und Erwin natürlich auch hin. Noch ahnten sie nicht, wie jäh Unterhaltung und Frohsinn unterbrochen werden können.

In der Wohnung, hinter Schloss und Riegel, blieben Dani zwölf, Will zehn und ich kaum sechs Jahre alt. Der Abend war lang und nachdem wir Kartenhäuschen gebaut, dies und das erzählt, Rätsel geraten hatten, kam Dani auf die Idee: „Spielen wir doch Gewalf (Krämerladen)!" Gesagt, getan. Wir suchten alles Bewegliche aus dem Haus zusammen und ordneten es auf dem Ladentisch, und dann holte Dani noch einige Sachen aus der guten Stube, darunter auch einen Revolver. „Spiel nicht damit! Bring ihn zurück!", mahnte Will. Dani legte die Waffe auf den Tisch, griff aber gleich wieder danach. „Heinz hat mich auch damit spielen lassen." Die Waffe war geladen. Wie Dani, ungewollt die Sperre gelöst hat; es blieb Geheimnis. Ein Schuss löste sich, ein ohrenbetäubender Krach im Raum. Wir wussten nicht, was geschehen war. Der Revolver lag am Boden. Stille im Raum. . .Wohl in der Absicht, ihn wieder an seinen Platz zurückzubringen, bückte sich Dani nach der Waffe. Da krachte es ein zweites Mal. Dani's Gesicht wurde kreidebleich und das Mordzeug entglitt seiner Hand. Er schwankte, griff sich an den Bauch. „Dani ... Dani!" riefen wir schluchzend „Es ist doch nichts passiert," versuchte er uns zu beruhigen. Will brachte ihn ins Bett. „Hon, du bleibst hier," wandte er sich an mich, „und ich hole die Eltern." Da die Tür verschlossen war, stieg er durch's Fenster auf die „Lif" (überdeckter Hauseingang). Dani stöhnte leise und ich, Dreikäsehoch würgte die Schluchzer herunter und hatte meine liebe Not, den Tränenstrom wegzuwischen.

Minuten können zur Ewigkeit werden. Die Tür ging auf. Mutter, Vater, Heinz und Erwin, der Kompaniearzt stürzten herein. Letzterer untersuchte Dani, und stellte einen Magendurchschuss fest. Der Raum wurde genauestens untersucht und eine Kugel in der Wand entdeckt ... Will und ich mussten erzählen, wie der Abend verlaufen war. Inzwischen fuhr ein gepanzertes Fahrzeug vor, die Soldaten nannten diese Fahrzeuge Schlepper. Dani wurde auf eine Trage gebettet und vorsichtig zum Fahrzeug gebrach. Darin saßen acht Soldaten, je vier auf jeder Seite; sie nahmen die Trage auf ihre Schultern und sollten dafür sorgen, die Unebenheiten, die Schlaglöcher des 40 km langen Wegs nach Schässburg aufzufangen. Vater und der Arzt begleiteten Dani auf seiner Fahrt aus dem Elternhaus, der Familie. 40 km Stöhnen und Wimmern.

Zuhause war die ganze Anverwandschaft anwesend um zu trösten. Mutter saß in einer Ecke und jammerte den Schmerz in sich hinein. Ab und zu ein Aufschrei. Heinz hatte in der guten Stube den Tisch schon zig Mal umkreist, hielt inne, eilte zu Mutter, und fand keine Worte. Unheimliche Schuld lastete auf ihm. Er war selbst Vater von vier Kindern. Heute lachte keiner über die Mitteilung, wie er in kurzen Hosen um die Hand seiner Frau angehalten, und der angehende Schwiegervater erst die Bemerkung machte: „Und in kurzen Hosen wollen sie heiraten und eine Familie ernähren?" Will und ich schlichen herum und konnten das Geschehene nicht begreifen. Die Sterne verblichen und ein sonniger Endfebruarmorgen stieg aus dem Nebel der Nacht und der Tag versank auch wieder darin.

Am nächsten Morgen kamen Bürgermeister und Ortsleiter um ihr Beileid auszusprechen. Dani, unser Dani war seiner Schussverletzung am 27. Februar 1941, einen Tag nach seinem zwölften Geburtstag erlegen. Vater wachte die letzten Stunden an seinem Bett und brachte am nächsten Tag den Sarg, der unseren Dani barg nachhause. Soldaten, mancher hat später an der Wolga, bei Stalingrad seine letzte Ruhe gefunden, schaufelten sein Grab. Die Jüngsten der Truppe trugen ihn hinaus, an den Hang der letzten Ruhe, von wo ein schöner Blick auf sein Elternhaus frei war, das erste Schönberger Opfer des Zweiten Weltkrieges, ein Kind.

Pfarrer Martin Kessler sprach Worte des Trostes. Lehrer Kurt Steilner sprach in Vertretung der Schule. „Ich hat' einen Kameraden," sangen die Schulkinder unter Leitung von Rektor Friedrich Schöpp. Kurzes Kommando. Dann standen sie am Grab, legten ihre Gewehre an, und dreimal donnerte ihre Salve über ein Kindergrab.

Keine gute Zeit brach für Heinz an. Er wurde zur Verantwortung gezogen, weil er seine Waffe nicht entsprechend abgesichert und verwahrt hatte. Meine Eltern wurden auf Forderungen hin gefragt. Aber sie wussten, dass irgendwo in Deutschland auch Kinder sehnlichst auf die Heimkehr ihres Vaters warteten und sahen von solchen ab. So kam Heinz mit einer zehntägigen Arreststrafe davon. Ob er den Krieg überlebte, und nach Münstereifel zurückkehrte muss ich noch erforschen. Vielleicht ist ja eines seiner Kinder, das in meinem Alter sein könnte, aufzufinden.

Wäre es falsch diesen Daniel Untch auf der geplanten Ehrentafel der Schönberger Opfer des Zweiten Weltkrieges auch zu erwähnen? Dafür wäre ich der Schönberger HOG zutiefst dankbar.

Johann Untch, Euskirchen