Als die Russen nach Hermannstadt kamen
- Details
- Veröffentlicht am Dienstag, 01. Juli 2008 21:58
Ende August trafen die Russen in Hermannstadt ein. Sie kamen mit Panzern und alles wurde unter Beschuss genommen. Die Leute trauten sich nicht mehr auf die Straßen, so dass alles wie ausgestorben schien.
An einem Sonntag Ende November schickte mich die Oberschwester Elfriede los, einen Adventskranz zu holen. Diesen konnte man auf dem „kleinen Ring" in Hermannstadt kaufen. Wie gewöhnlich war nur hier und dort ein Mensch auf der Straße zu sehen. Bevor ich mich jedoch nach einem Kranz umschauen konnte, kamen rumänische Soldaten und nahmen mich mit. Sie führten mich auf das Polizeipräsidium in ein Zimmer, in dem noch andere Frauen waren und nahmen mir meinen Ausweis ab. Nach einer bestimmten Zeit kamen sie wieder und wollten, dass wir mit ihnen mitgehen. Sie führten uns in die Bergstraße in das große Kloster. Dort musste ich feststellen, dass alle Nonnen weg waren. Nur russische Offiziere hielten sich dort auf. Sie brachten uns in den Keller, der ca. 20 Meter lang, 10 Meter breit und zementiert war. In der Mitte des Raumes befand sich ein Kartoffelberg, der fast dem Volumen des Kellers entsprach. Daneben befanden sich noch einige Frauen, insgesamt waren es dann 25 Leute. Der Kartoffelberg war so groß, dass wir unser Gegenüber nicht sehen konnten. Wir saßen alle im Kreis und mussten Kartoffeln schälen. Die ganze Zeit über überlegte ich mir, wie ich die Flucht ergreifen konnte. Ich stand auf, ergriff meinen Mantel und ging in den Hof hinaus. Am Tor stand ein russischer Soldat. Ich machte ihn darauf aufmerksam, dass ich wieder zurück kommen würde. Ich musste ja schließlich meine Vorgesetzten im Krankenhaus über mein plötzliches Verschwinden informieren. Nachdem ich dies erledigt hatte, schnappte ich mir einen weißen Kittel, kaufte ich vier Packungen Zigaretten und ging wieder ins Kloster zurück. Ich gab dem am Tor stehenden Soldaten zwei Packungen Zigaretten, die er freundlich entgegennahm und ging wieder an meine Arbeit. Um 12 Uhr mittags kam einjunger Offizier zu uns in den Keller. Er blieb hinter mir stehen, klopfte mir auf die Schulter und gab mir zu verstehen, dass ich mit ihm mitkommen sollte. Mir blieb also keine andere Wahl. Er führte mich in einen riesigen Speisesaal, indem sich einige russische Offiziere befanden. Die Leute saßen alle am Tisch und es spielte die Band aus dem „römischen Kaiser". Im Keller war die Küche, in der nur rumänisches Küchenpersonal arbeitete. Zwischen dem Speisesaal und der Küche befand sich ein Speiselift. Da ich rumänisch konnte, wurde ich für die Entgegennahme der Essensbestellungen für die Offiziere eingeteilt. Diese Arbeit verrichtete ich bis 17 Uhr. Ich war selber so hungrig, doch vor lauter Aufregung traute ich mich nicht, etwas zum Essen zu nehmen. Nach 17 Uhr war meine Pflicht getan. Ich ging wieder in den Keller um meinen Mantel zu holen und schließlich wieder in den Hof. Dort gab ich dem Soldaten am Tor wieder zwei Packungen Zigaretten und ging nach Hause ins Lutherkrankenhaus.
Nach ein paar Tagen traf ich eine Person auf der Straße, mit der ich damals im Keller war. Sie erzählte mir, dass sie dort drei Tage lang verbleiben musste.
Vom 31. Januar 1945 bis 25. November 1949 wurde ich nach Russland verschleppt, wo ich Zwangsarbeit verrichten musste.
Anna Ekart, geb. Zikeli


