Es gibt im Leben - wenn auch nicht sehr oft - Erlebnisse, die sich in unserem Gedächtnis einprägen und über die man immer wieder nachdenkt. Im Sommer des Jahres 2006 fing ich an, Daten über uns und unsere Vorfahren zu sammeln. Als erste Adresse - wie sollte es auch anders sein - war mir das Zentralarchiv der evangelischen Landeskirche in Rumänien empfohlen worden, welches sich im Friedrich-Teutsch-Haus in Hermannstadt befindet. Der Leiter dieses Hauses, Herr. Dr. Theilemann empfing mich sehr nett, mit der Feststellung,
„da ist noch ein Herr, der sich mit der Vergangenheit Schönbergs sehr intensiv befasst“.
Dieser Mann heißt Tom Kowol. Er kommt aus England und schreibt seine Doktorarbeit. Nun hatten wir ja von ihm bereits einige Zeit früher von seiner Arbeit und seiner Herkunft erfahren. Als ich ihn kennen lernen durfte, war ich überrascht über seinen Arbeitseifer sowie seine Begeisterung, die er zu Tage legte, als er von meiner Absicht erfuhr, Familienforschung über unsere Schönberger Familien zu betreiben. Er freute sich sichtlich darüber, sich mit mir auch über dieses Thema zu unterhalten. Meine Freude aber, glaube ich, war viel größer. Die Freude, eine Woche lang von Früh bis Abends gemeinsam mit Tom im Leseraum zu recherchieren, zudem ich sehr wertvolle Tipps für meine Arbeit von ihm erfuhr.
Die Pausen nutzte ich, um von ihm zu erfahren, was ihn veranlasst hat, sich als Doktorarbeit gerade das o.a. Thema auszusuchen. Auf die Frage „Wieso bist du überhaupt nach Rumänien gekommen?“ erzählte er mir Folgendes:
„In meiner Studienzeit glaubten wir, einige Jugendliche, auch in England, dass unser gesellschaftliches System nicht das „ideale“ für die Zukunft unserer Welt sei. So dachten wir, einige wenige unter uns, an die Ideale von Che Guevara, sogar an Einiges in der Maoistischen Theorie. Wir beschlossen, nach Albanien auszuwandern. Die Herren bei der Albanischen Botschaft an die wir uns wendeten, um ein Einreisevisum zu erhalten, waren so überrascht , dass sie gar nicht wussten, wie so etwas überhaupt geht. Sie hätten solche Einreisevisa noch nie erteilt, weil noch nie beantragt. Sie müssten erst bei ihrer Regierung nachfragen.
Einer unserer Dozenten hat von unseren Plänen „Wind“ bekommen, hat sich mit uns unterhalten und unsere Idee nicht so einfach abgetan. Er bat uns aber, zunächst unser Studium zu beenden und schlug uns vor, mit ihm gemeinsam, eine Rundreise in Länder des Ostblocks zu unternehmen. Das taten wir dann auch einige Jahre später. Wir reisten über die DDR, Polen, UdSSR, Ungarn auch nach Rumänien.
Von Bukarest über Kronstadt landeten wir eines Spätabends in Sibiu. Ich stellte fest, dass ich tags zuvor meine Zahnbürste vergessen hatte. Am nächsten Morgen wollte ich mir ganz früh eine Zahnbürste kaufen, eilte auf die Straße, las zufällig die Inschrift auf den Kanaldeckeln. Der deutschen Sprache bereits mächtig, war ich überrascht, hier den Firmenname „Rieger“ zu lesen. Vor mir gingen zwei Frauen die sich unterhielten, die Sprache verstand ich nicht, wusste aber, dass es nicht Rumänisch noch Ungarisch war. Auf meine Frage, die ich ihnen auf Deutsch stellte, wo in der Nähe eine Apotheke sei, antworteten sie mir, ebenfalls auf Deutsch, dass diese um die Ecke sei. Nun war ich aber verwirrt darüber, wieso zwei ganz einfach gekleidete Frauen, die vielleicht zum Markt gingen, so gut deutsch sprechen. Auf meine Frage diesbezüglich antworteten sie mir: „Ja, wir sind doch Deutsche!“ So erfuhr ich, dass die Stadt in der ich mich befand, Hermannstadt heißt und dass diese eigentlich, so wie viele andere Ortschaften auch, von deutschen Siedlern erbaut wurde. Dieses Erlebnis hat mich später bewogen, das Thema meiner Doktorarbeit in diese Richtung auszuwählen. So bin ich nun hier“.
Tom war zu dieser Zeit gerade damit beschäftigt, das erworbene Haus in Schönberg hinter der Kirche, das Reiner-Haus, zu renovieren. Er hat es sehr schön gestaltet, viele unserer Schönberger haben die Gelegenheit gehabt, es zu besichtigen und waren begeistert über die Neugestaltung des Anwesens. Er war zudem ein treuer Leser unseres „Schönberger Echos“, kurz gesagt, er war ein Schönberger geworden.
Sein Tod hat uns alle sehr erschüttert. Persönlich bin ich sehr traurig darüber. Wir haben eine große Stütze verloren, in unserer Arbeit. Viele Daten, die er uns zur Verfügung stellen wollte, werden wir wahrscheinlich nicht mehr erhalten. Wir alle verlieren durch sein Ableben einen sehr guten Kenner unserer Heimatgeschichte, einen sehr engagierten Neuentdecker unseres jahrhundertealten Dorflebens. Wir verlieren einen sehr guten Freund.
Wir danken dir Tom, für die kurze Zeit, die du unter uns Schönbergern warst, wir werden dich sehr vermissen.
Michael Schneider
Mainz, 02.11.2009
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